Venedig, Ende des 16. Jahrhunderts: Aus Freundschaft zu dem frisch verliebten, aber hoch verschuldeten Aristokraten Bassanio lässt sich Kaufmann Antonio auf einen ungewöhnlichen Handel mit dem jüdischen Geldverleiher Shylock ein. Für einen Kredit von 3.000 Dukaten bürgt Antonio, der sich baldiger Einnahmen durch ausgelaufene Handelsschiffe sicher ist, mit einem Pfund seines eigenen Fleisches. Mit diesem Geld kann Bassanio jetzt angemessen um die Hand von Portia, der reichen Erbin von Belmont, werben. Die Schönheit und ihr Verehrer lieben sich, doch der Besiegelung des Glückes steht eine Klausel von Portias verstorbenem Vater im Wege. Nur der darf Portia heiraten, der aus drei verschlossenen Schatullen die richtige wählt, die ihr Bild enthält. Wie andere Bewerber aus ganz Europa, ja sogar Afrika, tritt Bassanio an, das Rätsel zu lösen. Während er dem Glück ganz nahe kommt, verliert Antonio auf See sein Vermögen und kann seine Schulden nicht begleichen. Jetzt sieht der verbitterte Shylock seine Stunde gekommen, sich für ein Leben der Demütigungen und Diskriminierungen zu rächen...
Joseph Fiennes ist ein echter Sympathikus. Selbst ungehobelten Anfeindungen seitens Konkurrenten wie Russell Crowe, er habe in Shakespeare in Love viel zu verpeppelt ausgesehen, begegnet Joseph Fiennes Gentleman-like, indem er sinnbildlich erwiderte, man solle nicht alles so ernst nehmen, was Diven von sich geben. Fiennes, der stets im Schatten seines großen Schauspielkollegen und Bruders Ralph stand, hat selbst eine beachtliche Zahl hochwertiger Filme vorzuweisen: Elizabeth, Enemy at the Gates, Luther – alles historische Stoffe. Nun spielt er auch beim Kaufmann von Venedig mit, mal wieder eine Shakespeare-Verfilmung. Wieso, verrät Fiennes im Interview, und erzählt nebenbei, wieso man ihm nicht auf dem Fußballplatz begegnen sollte.
Wieviel Entdecker steckt in Ihnen?
Joseph Fiennes: Als Schauspieler ist man automatisch ein Entdecker. Man ist Detektiv, man enthüllt und enträtselt Geheimnisse. Es ist ein absolut schöner Beruf. Ich suche mir meine Rollen auch danach aus: Männer, die vollkommen vom viktorianischen Zeitalter geprägt sind, aber psychische Veränderungen durchleben und auch manchmal erkennen, wie falsch sie gehandelt haben.
Sie bereiten sich akribisch auf Ihre Rollen vor: Wären Sie gerne Wissenschaftler geworden?
Fiennes: Das glaube ich nicht. Es ist so etwas anderes, Schauspieler zu sein. Ich habe aber nichts gegen Wissenschaftler, obwohl ich immer den pflanzlichen Weg, die Homöopathie vorziehen würde, als irgendwelchen Wesen Grausamkeiten anzutun. Aber man darf nicht vergessen, dass viele heute selbstverständliche Dinge in der Medizin Errungenschaften der Forschung sind. Ich bin aber eher ein kommunikativer Mensch, ich blühe auf, wenn ich unter Menschen bin. Die Welt eines Wissenschaftlers wäre mir zu einsam.
Wie abhängig sind Sie von der Meinung Anderer?
Fiennes: Als ein kreativer Arbeiter reicht es nicht, einfach nur seinen Job zu machen, sondern es kommt zum überwiegenden Großteil darauf an, wie das Ergebnis den Menschen gefällt. Wie auch in der Literatur oder in der Musik definieren wir Schauspieler uns darüber, was das Publikum von uns hält. Wir sind Dienstleister.
Denken Sie nicht, dass es den Zuschauern vor allem auf Glanz und Glamour ankommt?
Fiennes: Das liegt natürlich nicht in meiner Verantwortlichkeit. Daran sind die vor allem die Medien Schuld. Es gibt eine Flut von Magazinen, die sich nur um Stargerüchte kümmern. Es geht nur noch um den schnellen O-Ton, das flüchtige Zitat, um die Zeitung schnell zu verkaufen. Ich kenne die Maschinerie also, muss ihr ja aber nicht angehören. Ich sehe meine Aufgabe als Schauspieler als eine lebenslange Verpflichtung und nicht, um kurzlebige Aufmerksamkeit zu bekommen.
Wie schwer ist es für Sie, in der Öffentlichkeit zu leben?
Fiennes: Ich möchte einfach nur als der wahrgenommen werden, der ich bin. Ich versuche immer offen zu sein. Freilich habe ich nicht solch kreischende Fans wie zum Beispiel Keanu Reeves. Aber natürlich muss ich mein Privatleben schützen. Außerdem habe ich ja auch gar nicht viel Interessantes zu erzählen. Je mehr die Zuschauer über einen Privatmenschen aus den Zeitungen wissen, desto schwieriger fällt es ihnen, sich im Kino auf seine Rollen einzulassen. Das kann Filmen wirklich schaden.
Sie spielten in einer Vielzahl von historischen Filmen wie zum Beispiel Elizabeth, Shakespeare in Love und nun bald auch im Kaufmann von Venedig: Hat das einen bestimmten Grund?
Fiennes: Das ist relativ einfach: Ich glaube, dass all diese Filme höchstmodern sind. Es ist nur ein Zufall, dass sie in einer Zeit spielen, in der wir unterschiedliche Kleidung trugen. Die Geschichten drehen sich alle um etwas, das sich wohl nie verändern wird: um den Zustand, die Psyche, die Emotionen des Menschen. Wir fühlen uns heute zwar erfahrener, haben all diese technischen Spielzeuge, aber all das entfernt uns kein Stück von unseren inneren, zutiefst menschlichen Zuständen – die haben sich in den vergangenen 300 Jahren nicht wirklich verändert.
Wir brauchen also die zeitliche Distanz, um unsere wahren Zustände zu erkennen?
Fiennes: Ich bin überzeugt, dass Geschichte heutzutage nicht mehr als ein langweiliges Fach in der Schule ist. Geschichte muss begeistern, packen, mitreißen. Das können Filme heute noch leisten: die Filme, die Sie genannt haben, können sich die Zuschauer anschauen und ihre Erwartungen, was spannende Historie betrifft, werden doppelt und dreifach erfüllt. Es sind große Abenteuer. Nur dadurch können die Leute motiviert werden, sich näher mit Geschichte zu beschäftigen, nachzuschlagen, was im viktorianischen oder elisabethanischen Zeitalter geschah. Man hat die Wahl – das ist zeitgemäß.
Wird Ihr nächster Film auch ein Kostümfilm?
Fiennes: In meinem nächsten Film spiele ich im Los Angeles der 70er Jahre. Das hat also nichts mit Kostümen zu tun. Dafür ist ein sehr dunkles, teilweise aber auch humorvolles Portrait eines Jungen, der von einer verrückten Familie adoptiert wird. Wir erzählen seine Lebensgeschichte in Rückblenden. Regie wird Ryan Murphy führen. Der Titel ist Running with Scissors.
Ist es schwierig, während der Dreharbeiten die emotionale Distanz zu Ihren zahlreichen attraktiven Schauspielkolleginnen zu halten?
Fiennes: Wow, war das schwierig. (lacht) Sie alle waren stets nicht nur atemberaubend, talentiert, sondern auch unheimlich intelligent. Es war mir immer eine Freude. Was dabei aber vor allem schwer ist, sind Liebesszenen bzw. Bettszenen. Ich glaube, dass ist der größte Unterschied zwischen der Zuschauerwahrnehmung und der eigentlichen Arbeit. Niemand stellt sich vor, was das für ein Gefühl ist, wenn Beleuchter, Elektriker und all die anderen rauchend um dich herumstehen und genau beobachten, was du da eigentlich mit der schönen Frau machst. Solche Sexszenen machen nicht unbedingt Spaß. Aber mein Fokus liegt natürlich nicht darauf, mich zu einer Schauspielkollegin hingezogen zu fühlen, sondern zu tun, was der Regisseur von mir verlangt und damit dem Zuschauer ein Abenteuer zu bieten.
Selbst wenn Sie Ihre Filme maßgeblich als Abenteuer für das Publikum sehen: Sind Sie nicht auch politisch?
Fiennes: Das ist eine Interpretation, die ich nur unterstreichen kann. Das Problem bei politischen Filmen ist nur: Wenn man sie als politisch in die Kinos bringt, limitiert man ihre Wirkungskraft. Die Leute könnten davon abgeschreckt werden. Wir wollen mit den Filmen ja nicht predigen, sondern einladen, sich bei Interesse näher mit der Geschichte zu befassen.
Dabei haben die Filme von Michael Moore enormen Erfolg.
Fiennes: Der Markt für politische Dokumentationen wächst. Die Leute wollen das sehen. Die Leistung von Fahrenheit 9/11 war, dass dieser Film durch seine vollkommen berechtigten Provokationen die Amerikaner zum Wählen gebracht hat. Aber Dokumentationen sind natürlich was anderes als fiktionale Filme. Aber es stimmt durchaus: Im Grunde ist alles politisch, jedes Verhalten hat eine politische Aussage, wenn man so will. Doch ich achte streng darauf, meine eigenen Ansichten niemals in meine Arbeit mit einzubringen.
Wie viel von Ihnen steckt in Ihren Rollen?
Fiennes: Man braucht sehr viel Disziplin, um die Distanz zu halten. Es bin ja nicht ich, der da zu sehen ist, sondern meine Rolle. Wenn ich einen Mörder spiele, gehe ich ja auch nicht nach Feierabend los und überlege mir, wer auf meiner schwarzen Liste steht. Das bin nicht ich. Genauso verhält es sich eben auch mit Sexszenen. Die schwierigsten Rollen sind die, die einem am ähnlichsten sind. Aber natürlich gibt es immer etwas Unterschwelliges, Unbewusstes in mir, das ich in die Rollen integriere.
Sie scheinen außerordentlich geschichtsinteressiert. Lesen Sie viel?
Fiennes: Ich sehe die Bücher, die ich im Regal bei mir Zuhause stehen habe, als meine Freunde. Ich rede immer mal ein Kapitel – das ist wie, als wenn ich einen Kumpel auf ein Glas Bier treffe. Ich finde, Platon könnte heute moderner nicht sein. Ein Gangsterfilm aber, der letzte Woche in die Kinos gekommen ist, erscheint mir mehr als antiquiert. Ich achte also nicht auf Kostüme oder das Alter einer Geschichte, sondern vertiefe mich gerne in die Inhalte, was die Worte wirklich sagen.
Sie halten sich für einen kommunikativen Menschen. Dabei ist lesen doch eine recht einsame Angelegenheit.
Fiennes: Was meinen Sie, wen ich alles beim Lesen treffe! Wenn ich mich in ein Buch vertiefe, dann komme ich mit ganzen Familienclans zusammen, lerne sie kennen, unterhalte mich mit ihnen. Tschechows Kurzgeschichten zum Beispiel wimmeln ja nur so von zwischenmenschlichen Thematiken: Was macht ein armer Soldat, der sich verliebt? Das ist doch höchstspannend. Darum geht es doch auch beim Film: Hyperrealität, Phantasiewelten. Manchmal kommt man eben nur durch die Phantasie zur Wahrheit.
Haben Sie auch körperlich aktivere Leidenschaften?
Fiennes: Fußballspielen ist für mich wie mit einer Theatergruppe zu proben. Wir alle haben Rollen, einer schießt ein Tor. Ich liebe die Interaktion mit anderen Menschen – nicht nur in der Phantasie. Ich bin nie ein Bücherwurm gewesen, der in dunklen Ecken gesessen hat, wenn Sie das denken. Ich fühle mich wie ein Auserwählter, der von einer Hand gepackt wurde und glücklicherweise in die Schauspielerei geworfen wurde. Da kann ich nur Danke sagen.
Sehen Sie Ihren erfolgreichen Bruder Ralph Fiennes als Konkurrenten?
Fiennes: Ich bin nur Stolz in meiner Brust. Ich liebe ihn nicht nur als Bruder, sondern habe auch Respekt als Schauspielkollege – auch wenn er nicht mein Bruder wäre. Was er im Theater und Film erreicht hat, ist bewundernswert.
Sie scheinen eine nicht sehr wettkämpferische Natur zu haben.
Fiennes: Spielen Sie bloß nicht Fußball gegen mich. (lacht) Ich fühle mich nicht so, als müsste ich mit anderen Darstellern konkurrieren. Aber es ist ein Fakt, dass 96 Prozent aller Schauspieler arbeitslos sind und um Rollen kämpfen müssen. Das bringt natürlich Gerangel um die wenigen Rollen. Jeder bringt aber etwas ganz Spezielles mit sich.
Sind Sie ein Träumer?
Fiennes: Allein wenn man sich ein Drehbuch anschaut, muss man seine Phantasie anstrengen. Manchmal muss ich das Abenteuer in meinem Kopf schon vor dem Dreh erlebt haben, um mich richtig reinsteigern zu können. In diesem Sinne bin ich ein großer Träumer. Das ist ein unbedingtes Muss. Schon als Kind habe ich sehr viel geträumt und phantasiert. Meine Geschwister und ich hatten das Glück, in einem Haushalt aufzuwachsen, indem das unterstützt und gefördert wurde.
Nun drehten Sie den Kaufmann von Venedig mit Al Pacino. War er eine Art Mentor für Sie?
Fiennes: Al Pacino war mehr als das: Er ist ein Gott für mich. Ich war nicht nur aufgeregt, sondern hatte richtig Angst. Er hat ein solch starkes Profil in der Filmgeschichte: Ich bin ja auch mit all seinen Filmen aufgewachsen. Der Pate ist der ultimative Film überhaupt. Ich könnte stundenlang über ihn schwärmen. Aber das gemeinsame Spiel war unheimlich lehrreich für mich. Ich bin ihm sehr dankbar, dass er so umgänglich und zuvorkommend war. Er hat eine bemerkenswerte Kenntnis von klassischen Texten und bereitete sich akribisch auf die Rolle vor.
Dann sind Sie sich ja gar nicht so unähnlich.
Fiennes: Wir sind uns in dieser Zeit recht nah gekommen. Er hat eine sehr offene Natur, ist jedem Schauspielerkollegen gegenüber sehr aufgeschlossen und hat eine allumfassende Ausstrahlung.